Nachtfieber (Leseprobe)

Alle oder die meisten Menschen scheinen ihren Platz gefunden zu haben.
An einem sommerheißen Montag, diesem Wochenanfangstag, den ich so hasse, sitze ich erschöpft, von der Hitze und dem Gehen auf betonierten Wegen, auf einer schattigen Bank im Gemeindepark. Der kleine Föhrenwald, der das Gelände umsäumt, richtet seine dürren Äste protestierend in eine immer giftiger werdende Sonne. Ich lasse meine Schultern hängen. Zünde mir eine meiner unentbehrlichen Zigaretten an. In meinem Rucksack das Skriptum von „Allgemeine Psychologie, Teil I“. Nichtssagende Phrasen und Formeln. Doch ich könnte immerhin die Zeit nützen, um mich auf die Oktoberprüfungen vorzubereiten. Ich studiere bereits seit drei Jahren und bin noch immer im ersten Abschnitt. Ich schlage das Skriptum auf. Die Zeilen verschwimmen unter meiner Traurigkeit. Etwas Zigarettenasche, die sich soeben von der Glut verabschiedet hat, ziert die schwarz bedruckten Seiten auf meinen Knien. Ich blase die Asche weg und trete den übriggebliebenen Stummel in den staubigen Kies zu meinen Füßen. Lustlos packe ich die „Allgemeine Psychologie“ wieder in meinen Rucksack aus Lederimitat. Mein Studium ist zu einer Alibihandlung geworden. So tun als ob. Es hat mich bereits nach den ersten beiden Semestern nicht mehr interessiert. Die Inhalte zu trocken, zu spröde, zu verstaubt. Ein bröckelndes Wissen, eine schon lang nicht mehr restaurierte Fassade an einem Gebäude mit blinden Fenstern und schiefen Wänden.
Die Erwachsenen, die ich heute in diesem Park sehe, scheinen alle ihren Platz gefunden zu haben. Mütter, in ihren Rollen als Mütter. Sie schieben Kinderwägen und lassen ihre Launen an den Kindern aus. Sie sitzen mit anderen Müttern auf den Bänken um den Spielplatz und tauschen ihr mütterliches Wissen aus. Manche beklagen sich über gesundheitliche Probleme, andere erzählen von ihrem letzten Familienurlaub, und wiederum andere nicken nur strickend, in das Zählen von Maschen vertieft. Ein Strickmuster ähnelt dem anderen, die Träume von früher an Maschen aus feiner Wolle aufgehängt.

Ein Mann mit einem schwarzen Aktenkoffer, der durch den Park eilt. Trotz der Hitze hat er einen dunklen, zugeknöpften Anzug an und auch sein Hals ist zugeschnürt. Mit einem Stück Stoff aus feiner Seide. Sein Kopf wie festgeschnallt, blickt nicht nach links und nicht nach rechts.
Eine junge Frau mit harten Zügen und in Schwesternuniform radelt verbissen die Hauptallee entlang.
Eine ortsbekannte, ältere Künstlerin, die sich schon allein durch ihre farbenprächtige Kleidung und ihren betont aufrechten Gang von Weitem als die ortsbekannte, ältere Künstlerin zu erkennen gibt, stellt ihre Staffelei in den Burghof am Rande des Parks und beginnt von dieser Perspektive aus den hinter der Burgruine in die Höhe ragenden Kirchturm zu malen. Die meisten, die in diesem Ort etwas auf sich halten, die es sich leisten können etwas auf sich zu halten, weil sie geerbt haben und/oder beruflich erfolgreich sind, haben ein pastellfarbenes Kirchturmbildnis der Malerin in ihren Wohnzimmern hängen.
Nur die Studentin scheint sich in der falschen Rolle zu fühlen. Ich sehe sie müde auf dieser Parkbank sitzen, den Rucksack in den staubigen Kies gestellt, bereits die dritte Zigarette rauchen und verstohlen in ihre hohle Hand gähnen. Ich betrachte meine bleierne, untätige Existenz wie von weit her. Diese Puppe auf der Spielzeugbank, diese Studentinnenexistenz, die keine ist. Die bisherigen bestandenen Prüfungen waren reine Alibihandlungen, und sie haben eine enorme Selbstüberwindung gekostet. Lukas hingegen, fällt mir ein, verpflichtet sich nicht einmal zu Alibihandlungen. Zumindest hat er sich noch nicht verpflichtet gehabt, als ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Das ist jetzt schon eine Zeit lang her. Mich überkommt Sehnsucht nach Lukas, der vielleicht noch immer von seinem kleinen Erbe lebt. Der vielleicht noch immer tagsüber schläft und nachts in Discos und Lokale geht. Ich liebe ihn noch immer. Leidenschaftlich. Tag für Tag in meinen Träumen. Obwohl ich ihn verlassen habe. Als wir noch zusammen waren, da habe ich ihn eingeladen: zu etwas Dunklem, das sich selbstständig gemacht hat in ihm. Über das auch ich die Kontrolle verloren habe. Das mir irgendwann zu viel geworden ist. Genauso wie seine Unberechenbarkeit. Manchmal denke ich, und ich nehme mir damit kurzfristig die schwere Last, die meine Schultern nach vorne drückt: Hat diese meine Aufforderung nicht einfach nur seine Schleusen geöffnet? Für eine Lava geöffnet, die schon lange in ihm war, lange bevor er mich überhaupt gekannt hat? Ich bin so verwirrt, ich weiß nicht mehr, was richtig ist und was falsch. Ich weiß nur eines: Seit es ihn nicht mehr gibt, seit es ihn nicht mehr in meinem Leben gibt, lockt die Melancholie mit ihren dunklen Fahnen. Stärker als je zuvor.(...)


Noch Tage danach erinnerte sie sich gerne an seinen Anruf. Wie sie ahnungslos zum Telefon gegangen war, er seinen Namen nannte, sie diesen sekundenlang nicht zuordnen konnte, Lukas, welcher Lukas und woher? Als er seinen Nachnamen nannte, war Alina schlagartig so aufgeregt, dass ihre Handflächen ganz feucht wurden, und ihre Stimme sich belegte. Wie in Trance und sich immer wieder verlegen räuspernd beantwortete sie seine Fragen: „Wie geht es dir? Was machst du so?“ und vor allem: „Hast du zur Zeit einen Freund?“ mit knappen Sätzen: „Danke, ganz gut. Mein Teilzeitjob finanziert mir momentan mein Leben. Nein, ich bin seit ein paar Monaten wieder Single.“ Doch nachdem sie die anfängliche Nervosität überwunden hatte, plauderte sie mit ihm über dieses und jenes, erfuhr, dass er zur Zeit in einem Secondhand-Laden Platten verkaufe, noch immer Schach spiele und ebenfalls solo sei. Je länger sie mit ihm telefonierte, desto vertrauter schien er ihr wieder, so als hätte sie ihn erst vor kurzem gesehen. Er schlug schließlich ein baldiges Wiedersehen vor, sie willigte ein, und sie vereinbarten ein Treffen in einem Beisl, das Alina seit einiger Zeit recht häufig besuchte. Auch weil es ganz in der Nähe ihrer Wohnung lag. Lukas verabschiedete sich mit: „Ich freue mich schon auf nächsten Dienstag.“ „Ich mich auch“, antwortete Alina, doch da hatte er schon aufgelegt.
In einem Moment schien ihr alles so unwirklich, wie ein blasser Traum, und im nächsten lachte und weinte sie zur gleichen Zeit. Vielleicht konnte er sie ja ebenfalls nicht vergessen, nicht für alle Zeiten aus seinem Bewusstsein bannen. Vielleicht ahnte er ja, dass sie in schwachen Stunden bereute, wie sie ihn damals verlassen hatte: „Vergiss mich, lass mich in Ruhe, und wenn ich dich wieder einmal sehen sollte, irgendwo, irgendwann, dann kenne ich dich nicht mehr!“, und sie war aus seinem an einer roten Ampel haltenden Wagen gesprungen. Und nur mehr gerannt, so schnell sie konnte.
Eigentlich hatte sie diese Sehnsucht nach seiner Liebe loswerden wollen, ablegen wie ein zu klein und zu eng gewordenes Kleid, dem sie schon lang entwachsen war, doch bereits sein Anruf versetzte sie in eine seit ihrer Trennung von ihm nicht mehr gekannte Euphorie, die keine Zweifel zuließ und keine Furcht.(...)

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